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Alertprogramm

Das Alertprogramm (The Alert Program ™ )
(Wachsamkeitsprogramm)
von MarySue Williams/Sherry Shellenberger
©2001 verlag modernes lernen, Dortmund und ©1994, 1996 TherapieWorks, Inc. Albuquerque, USA


als Bestandteil der sensorischen Integrationstherapie für Menschen mit ADS/HKS
(Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom/Hyperkinetisches Syndrom)

Theorie und Praxis der Selbstregulierung

Eine Zusammenfassung von Sabine Glass, Praxis für Ergotherapie Ernst Barthel, Februar 2002

Das Alert-Programm (AP) hilft den Kindern und Erwachsenen beim Verständnis der Grundlagentheorie der sensorischen Integration in Bezug auf Erregungszustände. Der Hauptaugenmerk richtet sich darauf, Kindern beim Erlernen der Überwachung, Aufrechterhaltung und Veränderung ihres Wachsamkeitszustandes entsprechend einer gegebenen Situation oder Aufgabe zu helfen.

Für wen kann das Programm angewendet werden?

Es wurde für Kinder zwischen 8-12 Jahren entwickelt und wurde so weiterentwickelt, dass man es jetzt schon mit Kindern im Vorschulalter aber auch mit Kindern in weiterführenden Schulen und Erwachsenen anwenden kann.

Wer führt das Programm durch?

Da es von Ergotherapeuten erfunden wurde und sehr stark von der sensorischen Integrationstherapie beeinflusst ist, sind Ergotherapeuten die richtigen Ansprechpartner, bzw. jeder Therapeut, der sich mit der Wirkungsweise der SI auseinandergesetzt hat, wird das Prinzip bald gut weitergeben können.

Wichtiger Bestandteil des AP ist aber die gezielte Anleitung der Eltern, Lehrer und sonstige Bezugspersonen des Patienten, die dadurch eine wichtige Rolle in der Umsetzung des Programms einnehmen können.

Welches Ziel wird mit dem AP verfolgt?

  • Kinder, Eltern und Lehrer zu lehren, Erregungszustände und deren Beziehungen zu Aufmerksamkeit, Lernen und Verhalten zu erkennen.
  • Kindern dabei zu helfen, die von ihnen bei unterschiedlichen Aufgaben und unter verschiedenen Rahmenbedingungen angewandten Selbstregulierungsstrategien zu erkennen und zu erweitern
  • Therapeuten, Eltern und Lehrern einen Orientierungsrahmen zu geben (Vokabular, Aktivitäten und unterschiedliche Umgebungen), damit Kindern das Erkennen und die Regulierung ihres eigenen Erregungszustandes erleichtert wird.
  • Den Bezugspersonen das Verständnis zu vermitteln, dass ein Verhalten sowohl den Organisationszustand des Nervensysthems, als auch das Bemühen des Kindes widerspiegeln kann, sich einer Situation oder Aufgabe anzupassen oder entsprechend effizient zu reagieren.

Die zugrundeliegenden Theorien:

Sensorische Integration nach Jean Ayres:

"Die sensorische Integration ist das Ordnen der Empfindungen, um sie gebrauchen zu können.Unsere Sinne geben uns Informationen über den physikalischen Zustand unseres Körpers und über die Umwelt um uns herum. Empfindungen fließen in das Gehirn , wie Ströme in einen See fließen. Zahllose "Bits" sinnlicher Wahrnehmungen erreichen in jedem Augenblick unser Gehirn nicht nur von den Augen und Ohren her, sondern auch von jedem Teil unseres Körpers....

Das Gehirn muss alle diese verschiedenen Empfindungen ordnen, damit sich ein Mensch normal bewegen und lernen kann, sich normal zu verhalten. Wenn Empfindungen in einer gut organisierten, d.h. gut integrierten Weise dem Gehirn zufließen, kann es diese Empfindungen nützen, um daraus Wahrnehmung, Verhaltensweisen und Lernprozesse zu formen..." (Bausteine der kindlichen Entwicklung)
Analog dazu das Beispiel des Computers:
Schreibt man einen Brief werden die Informationen in den Computer eingegeben (Input). Der Computer verarbeitet die Informationen und es kann eine Kopie des Briefes ausgedruckt werden (OUTPUT). Wird ein Fehler gefunden, ist möglicherweise etwas falsch geschrieben worden. Ist dies aber nicht der Fall, dann muss etwas in der internen Verarbeitung des Computers schief gelaufen sein. Bei unseren ADS Kindern gehen wir genau davon aus: Die interne Verarbeitung von Sinneseindrücken und Informationen läuft nicht richtig ab.

Sensorische Integration
Aus: Williams/Shellenberger: Wie läuft eigentlich mein Motor?
©2001 verlag modernes lernen, Dortmund

Erregungstheorie:

Erregung kann als ein Zustand des Nervensystems angesehen werden und beschreibt wie wachsam jemand ist. Um in einer bestimmten Situation entsprechend aufmerksam zu sein, sich konzentrieren und Aufgaben ausführen zu können, muss das Nervensystem für diese Aufgabe in einem optimalen Erregungszustand sein, für Kinder wird dabei das Wort "wachsam" statt "erregt" verwendet.

Selbstregulierung ist damit die Fähigkeit, einen für eine bestimmte Aufgabe oder Situation geeigneten Erregungszustand zu erreichen und selbsttätig aufrecht zu erhalten oder zu verändern.

Hirnorganisch spricht man von drei verschiedenen Graden bzw. Hirnarealen in denen die Funktionen der Selbstregulierung ablaufen:

Entwicklung der Selbstregulierung
Aus: Williams/Shellenberger: Wie läuft eigentlich mein Motor? ©2001 verlag modernes lernen, Dortmund

Zusammenfassend kann man sagen:

Beim Alertprogramm versucht man über das erreichte Bewusstsein (dritter Grad/der Kortex) der verschiedenen möglichen "Wachheitszustände" (erster Grad/retikuläres und autonomes Nervensystem), diese über Eigenkontrolle besser zu steuern. Diese Steuerung erfolgt mit zu Hilfenahme der Strategien des zweiten Grades (limbisches System und Kortex). Unter den Strategien des zweiten Grades verstehen wir vorrangig die Integration sensorischer Reize.

Hirnorganisch sind daran maßgeblich beteiligt:

Formatio reticularis:
(Hirnstamm)

u.a.

Aufgabe ein bestimmtes Grunderregungsniveau oder ein bestimmtes Maß an Grundaufmerksamkeit zu schaffen (Schlafen, Wachen, Wachsamkeit, Aufmerksamkeit)

Limbisches System:

u.a.

Aufgabe der Feinabstimmung Modulation), abschwächung und Regulierung der Schwankungen bei beabsichtigten Reaktionen. Es beeinflusst das Erregungsniveau durch Empfindungen, Antizipation und Motivation

Vestibuläres System:

u.a.

Aufgabe den Wachheitsgrad des Nervensystemes ausgewogen zu halten

Kortex:

u.a.

Aufgabe der aktiven Regulation des Wachsamkeitszustandes, dies gelingt aber nur, wenn die tieferliegenden Funktionen des retikulären Systemes gut funktionieren

Erregungszustände:

Es gibt drei verschiedene Arten von Erregungszuständen: Hoch, genau richtig, niedrig (siehe Schaubild). Jeder Mensch kann sich in jedem dieser Bereiche befinden, je nach Tagesform, Situation Tageszeit und Wohlbefinden. Es gibt jedoch Menschentypen, die sich überwiegend in einem zu hohen oder zu niederen Wachheitsbereich befinden, diese bezeichnen wir als Menschen mit einem ADS (Aufmerksamkeitsdefizit Syndrom).

Drehzahlbereiche
Aus: Williams/Shellenberger: Wie läuft eigentlich mein Motor? ©2001 verlag modernes lernen, Dortmund

Schutzreaktionen des autonomen Nervensystems

Das autonome Nervensystem eines jeden Menschen zeigt zum Schutz des Menschen dienende Abwehrmechanismen (z.B. Hand wegziehen bei heißer Herdplatte).
Es gibt jedoch auch Menschen die unter einer Überaktivierung der zum Schutz dienenden Abwehrmechanismen leiden Dies nennt sich dann sensorisch defensiv.
Die Nervensysteme dieser Menschen können auf laute Geräusche, eine übermäßige Menge an visuellem Input, unerwartete Berührungen, bestimmte Bewegungsarten, unebene Oberflächen, eine bestimmte Oberflächenbeschaffenheit von Nahrungsmitteln und auf bestimmte Geschmacksrichtungen und Gerüche überempfindlich reagieren
Diese können unterschiedliche Stress und Angstzustände auslösen. In der Therapie ist es dringend notwendig, zu erkennen welche Reize auf den Patienten störend wirken und welche angenehm sind. Denn ein Patient ohne geringere sensorische Abwehr wird sich von solchen Stresszuständen leicht wieder erholen können, während ein Patient mit Abwehr nur schwer wieder zum optimalen Erregungszustand zurückfindet.

Erregungsniveau
Aus: Williams/Shellenberger: Wie läuft eigentlich mein Motor? ©2001 verlag modernes lernen, Dortmund

Ein Flucht-, Angst oder Kampfverhalten kann sehr subtil auftreten. Es muss nicht unbedingt körperlich zugeschlagen werden. Es kann auch sein dass der Mensch verbal kämpft, ein Verweigerungsverhalten an den Tag legt oder stark reizbar ist.

Nicht jedes Kind, das schlägt oder nicht kooperativ ist, hat eine sensorische Abwehr, aber es muss auf jeden Fall mit in Betracht gezogen werden.

Inhibition und ihre Beziehung zum propriozeptiven Input:

Es gibt aufsteigende und absteigende Inhibition (Erregungshemmung). Das Gehirn besteht aus verschiedenen Arealen, die Verbindungen haben, die den Erregungszustand beeinflussen.

Absteigende Inhibition wird vom Kortex gesteuert.
Aufsteigende Inhibition wird über das Stammhirn gesteuert bzw. über sensorisch gezielt gegebene Reize

Als Hilfestellung für den Therapeuten, damit er jene sensomotorischen Sinneserfahrungen aufzeichnen kann, die sich der Patient zur Regulierung der Aufmerksamkeit und Erregung holt., hilft das Formular zur Planung sensomotorischer Aktivitäten:
Dabei sind oben links alle Sinneserfahrungen aufgelistet, die üblicherweise die am stärksten organisierende Wirkung haben und am leichtesten zu verarbeiten sind, und rechts unten die, die am geringsten auf Wachsamkeit wirken.

Geschmack
Geruch

orale Beschaffenheit

taktil

vestibuläre Bewegungen

vestibuläre Schwerkraft

visuell

auditiv

süß/Vanille- geschmack

Saugen/ Blasen

Gelenk- und Muskelaktivität/ von kalt bis lauwarm (z.B. duschen)

Gelenk- und Muskelaktivität

Haltung zur Aufnahme sensorischer Reize vertikal

helle/dunkle Farben

Vibration Geräusche laut/leise

salzig/ Salzwasser

Beissen/ Knirschen

fester Druck mittlere Temperatur

Oszillation (Schwanken)

horizontal

Form (Räder)

Rhythmus Musik Liedgesang Sprechen Reimen

sauer/ Zitrus- geschmack/ würzig

Kauen

Berührungsdruck mittlere Temperatur

lineare Bewegungen (Schaukeln)

ausserhalb gerader Linien (diagonal)

Platz (Ort)

Vokalissation / Sprachlaute

bitter/rauchig

Lecken

leichte Berührung (kann unerwartet sein) extreme Temperatur

rotatorische Bewegungen (Drehung oder partille Rotation)

kopfüber/ nach hinten Raum

Bewegung durch Raum und Zeit

Sprache

Rhythmischer Input über die Zeit hinweg - senkt das Erregungsniveau, z.B. streicheln, meditative Musik
Arhythmischer Input über die Zeit hinweg - erhöht das Erregungsniveau, z.B. kurz-schnell (Kitzeln)

(nach: Patricia Oetter ©1991, MA, OTR, FAOTA)

Sensomotorische Präferenzen:

Wie auch bei den Kindern haben Erwachsene auch ihre eigenen sensomotorischen Präferenzen und Strategien um ihren eigenen Aufmerksamkeitspegel wach zu halten. Je älter der Mensch wird, desto leichter fällt es ihm sich aktiv, d. h. mittel kognitiver Strategien des Kortex, wach zu halten und doch hat jeder seine eigenen Strategien: Kaffe trinken, Herumspielen mit Schmuck, leichtes Schaukeln eines Beines das übergeschlagen ist....

Um festzustellen welche Strategien man selbst hat, kann man die folgende Liste als Anhaltspunkt nehmen:


Checkliste der sensomotorischen Präferenzen (für Erwachsene)

Hinweise: Diese Checkliste wurde entwickelt, damit Erwachsene erkennen können, welche Strategien ihr Nervensystem zum Erreichen eines geeigneten Wachsamkeitszustandes anwendet. Markieren Sie die unten aufgeführten Punkte, die Sie anwenden, um Ihren Wachsamkeitszustand zu erhöhen oder zu senken. Möglicherweise markieren Sie bei einigen Punkten beide Richtungen. Andere wiederum wenden Sie überhaupt nicht an.

Etwas in den Mund nehmen (mundmotorischer Input):

  • einen Milchshake trinken
  • auf einem harten Bonbon lutschen
  • an einem Eisstückchen knabbern oder lutschen
  • die Zunge im Mund hin und her bewegen
  • auf einem Bleistift/Füller herumkauen
  • langsam und tief atmen
  • an bzw. auf den Lippen oder der Innenseite der Wangen saugen, lecken oder beißen
  • ein kohlensäurehaltiges Getränk trinken
  • ein kaltes Eis am Stiel essen
  • eingelegte Gurken essen
  • Kaugummi kauen
  • an Nüssen/Brezeln/Chips knabbern
  • an Nägeln/an der Nagelhaut herumbeißen
  • Popcorn essen/Gemüse schneiden
  • Chips mit würzigem Dip essen
  • Zigaretten rauchen
  • auf Knöpfen, Sweatshirtkordeln oder Kragen herumkauen
  • während der Arbeit pfeifen
  • Kaffee/Tee (koffeinhaltig) trinken
  • heißen Kakao oder warme Milch trinken
  • Sonstiges:

Sich bewegen (vestibulärer / propriozeptiver Input):

  • in einem Schaukelstuhl schaukeln
  • sich auf einem Stuhl bewegen oder darauf hin- und herrutschen
  • sich im Stuhl sitzend auf die beiden hinteren Stuhlbeine stellen
  • Aerobic-Übungen
  • isometrisches Muskeltraining/Gewichtheben
  • mit dem eigenen Körper leicht hin- und herschaukeln
  • den Küchenfußboden schrubben
  • Kopf und Nacken langsam kreisen lassen
  • die Beine übereinanderschlagen und mit einem Bein leicht schwingen
  • laufen / joggen
  • mit den Zehen, der Ferse oder dem Fuß leicht klopfen
  • tanzen
  • mit dem Bleistift / Füller auf den Tisch klopfen
  • Gartenarbeit
  • Teile des Körpers strecken / schütteln
  • sonstiges:

Berühren (taktiler Input):

  • mit den Haaren herumspielen
  • mit der Hand mit dem Schlüssel der Münzen in der Tasche herumspielen
  • alte Dusche
  • warmes Bad
  • eine Massage bekommen
  • einen Hund oder eine Katze streicheln
  • mit den Fingern oder einem Füller auf dem Tisch trommeln
  • Sanftes Reiben über Haut / Kleidung

*Mit bzw. an folgenden Dingen herumspielen:

  • Strohhalm
  • Büroklammern
  • Nagelhaut / Nägel
  • Bleistift / Füller
  • Ohrring oder Kette
  • während des Telefonates am Telefonkabel herumspielen
  • die Finger an Mund, Augen oder Nase halten
  • Sonstiges:

Aus: Williams/Shellenberger: Wie läuft eigentlich mein Motor? ©2001 verlag modernes lernen, Dortmund


Alphabetische Übersicht der Fachbegriffe



Autor: hp -- 04.10.2008; 12:26:50 Uhr

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